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Laudatio von Franz AltRupert Neudeck: Humanitäre Arbeit ist schön! 1979 sagte Bundeskanzler Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Im selben Jahr dachten sich Rupert und Christel Neudeck: „Wer Visionen hat, sollte Cap Anamur gründen und Boat People im Südchinesischen Meer vor dem Ertrinken retten.“. Das Ehepaar Neudeck orientierte sich zum Glück für Zehntausend Flüchtlinge nicht an der offiziellen deutschen Politik, sondern an der Bibel. Im Alten Testament steht der ewig aktuelle Satz: „Eine Gesellschaft ohne Visionen hat keine Zukunft.“ Natürlich gab es sofort Bedenken gegen das Rettungsschiff Cap Anamur – angefangen von meiner eigenen Redaktion Report als wir über Neudecks Arbeit berichteten bis zu den Intendanten der ARD. Aber noch mehr Bedenkenträger gab es in der Politik. „Wenn wir Flüchtlinge auf dem Meer retten, müssen wir die ja auch in Deutschland aufnehmen“, sagte mir damals ein deutscher Ministerpräsident. „Und das geht doch nicht.“ Rupert Neudeck beschreibt die Widerstände der deutschen Politik gegen seine spektakuläre Rettungsaktion so: „Der hessische Ministerpräsident Holger Börner entblödete sich nicht, beim Kampf gegen unser Schiff zu erklären: „Das Schiff induziert Flüchtlingsströme." Das war natürlich verbrecherischer Unfug, kommentiert Rupert Neudeck. „Das Schiff hat nicht die Flüchtlinge geschaffen. Wir konnten mit dem allersten Schiff tatsächlich 9.507 Flüchtlinge retten. Während der ganzen Zeit, der drei Jahre bis 1982, war unser bester Freund und Unterstützer: die deutsche Bevölkerung, unsere Mitbürger und Mitbürgerinnen. Wir fühlten uns wie von einer Welle der Zustimmung getragen. Die Regierungen wagten gar nicht mehr zu erklären, dass sie eigentlich gegen das Unternehmen waren.“ Cap Anamur war ein Akt konspirativer Demokratie, den Rupert Neudeck, den wir heute ehren, inspiriert hatte. Dabei war seine Menschenfischerei eine Folge treuherziger Spontanität und eine Folge tiefen Vertrauens in das Richtige und Gute. Er schreibt: „Wir waren fest davon überzeugt, dass Jesus Christus nicht gesagt hat, wir sollten Garantien verlangen für eine Aktion auf dem Meer. Nein, er hatte uns aufgetragen, wenn wir jemanden sehen sollten auf dem Meeresweg von Vietnam nach Malaysia, dann müssten wir ihm helfen.“ Und ich frage aktuell: Müssten wir nicht auch helfen, wenn wir heute junge Afrikaner auf der Flucht nach Europa in ihren Nussschalen im stürmischen Meer sehen? Heute Abend, an diesem Montag, stehen im Hafen von Dakar im Senegal 100.000 junge Afrikaner bereit für die Flucht in kleinen, klapprigen Booten, wissend jeder Zehnte von ihnen könnte ertrinken. Sie fliehen trotzdem, weil sie in Afrika – auch durch den Klimawandel - keinen Boden mehr unter den Füßen haben. Den Klimawandel haben aber nicht die Afrikaner, sondern wir Europäer verursacht. Ein Europäer verbraucht im Schnitt 30mal so viel Energie wie ein Afrikaner. Weil diese Frage auch Rupert Neudeck umtreibt, hilft er auch diesmal wieder auf seine Weise. Er baut Solaranlagen auf Schulen und Häuser, damit Afrikaner zu Hause, bei ihrer Mutter Afrika, in eigenen Land, eine Perspektive haben. Mit Unterstützung von Solarworld hat Rupert Neudeck und seine heutige Organisation „Grünhelme“ im Distrikt Bugesera im Ruanda eine große Solaranlage gebaut, die den gesamten Strom für ein Ausbildungszentrum produziert. Rupert Neudeck hat wie Frank Asbek in seinem neuen Buch oder auch wie Muhamad Yunus in Bangladesch, erkannt, dass es keine Entwicklung ohne Energie- und Wasserversorgung geben kann. Mit Bildung, Wasser und Erneuerbarer Energie können wir dafür sorgen, dass vielleicht bis 2030 auf diesem Planeten kein Kind mehr verhungern muss. Wir können, wie Muhamad Yunus immer wieder sagt, den Hunger ins Museum der Geschichte stellen. Mit Hilfe von Kleinkrediten können sich auch die Ärmsten Solaranlagen und damit Licht leisten. Licht für Afrika – welch eine Vision auf diesem sonnenreichen Kontinent. Sonne ist der Rohstoff des 21.Jahrhunderts. Und Afrika hat ihn in Fülle. Wir müssen nur lernen, den solaren Reichtum auf unserem schönen, blauen Planeten zu mobilisieren. Dafür setzt Rupert Neudeck Zeichen. Zeichen für eine bessere Welt von morgen. Wohlstand für alle ist keine Utopie, sondern ein realisierbare Vision. Die Sonne schickt uns jeden Augenblick unseres Hierseins 10.000mal mehr Energie als zurzeit alle Menschen verbrauchen. Es gibt gar kein Energieproblem. Es gibt nur falsches Energieverhalten, aber dieses können wir ändern. Rupert Neudeck, seine Frau Christel und ihre Mitarbeiter verbinden eine soziale Vision mit einer ökologischen. Und diese Vision ist zugleich ein Zeichen des Friedens. Denn um den Rohstoff Sonne muss anders als um den Rohstoff Öl nie ein Krieg geführt werden. Die große politische Frage des 21. Jahrhunderts heißt: Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne? Wenn im Irak nur Bananen wachsen würden, wäre dort kein einziger amerikanischer Soldat. In welcher Welt leben wir heute? Wenn es heute Abend bei uns in der ARD eine realistische ökosoziale Tagesschau geben würde, was müssten dann meine Hamburger Kollegen sagen? Erstens: Auch heute wieder haben wir 50.000 Menschen auf dieser reichen Erde verhungern lassen. Jean Ziegler, der Hungerbeauftragte der UNO und ein Freund von Rupert Neudeck, sagt: „Seien wir ehrlich - Wir haben sie ermordet“. Und der Klimawandel beschleunigt den Hungertod. Zweite Meldung dieser Tageschau müsste heißen: Auch heute wieder haben wir 150 Tier- und Pflanzenarten ein für allemal ausgerottet – Hauptursache ist der Klimawandel. Aber ohne Pflanzen und Tiere kann es Menschen nicht geben. Dritte Meldung: Auch heute wieder haben wir 60.000 Hektar Wüste zusätzlich produziert. Das machen wir jeden Tag. Wir ver-wüsten unseren schönen Planeten. Unsere Kinder und Enkel werden uns verfluchen. Vierte Meldung: Auch heute wieder haben wir 150 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft geblasen. Wir führen einen Dritten Weltkrieg gegen die Natur. Rupert Neudeck und seine Grünhelme setzen in dieser Weltkriegssituation Friedenszeichen. Gerade in Afrika ist jede Solaranlage und jedes Windrad ein Zeichen des Friedens. Um den Wind und um die Sonne kann nie jemand einen Krieg führen. Rupert Neudeck hat aber nicht nur Solaranlagen in Afrika installieren lassen, sondern auch auf Krankenhäusern in Afghanistan und – erst in den letzten Wochen - auf Schulen in Palästina. Für ihn ist Solarpolitik gleich Sozialpolitik, Entwicklungspolitik, denn allein mit Hilfe der Sonne kann es eine gerechtere und friedlichere Welt geben. Auch Albert Einstein war ein solarer Pazifist, denn er war der Entdecker des photovoltaischen Effekts. Dafür – und nicht für seine Relativitätstheorie wie viele vermuten – hat Einstein den Nobelpreis bekommen. Rupert Neudeck und seine weitgehend ehrenamtlichen Mitarbeiter haben in den letzten 30 Jahren Hunderttausenden Menschen in Afrika und Asien das Leben gerettet. Heinrich Böll hat 1984 eine Laudatio auf Rupert Neudeck und seine humanitären Helfer gehalten und einen Aspekt ihrer Arbeit gewürdigt, der bis heute zu wenig bedacht wird. Ich zitiere Heinrich Böll: „Es ist schön, ein hungerndes Kind zu sättigen, ihm die Tränen zu trocknen, ihm die Nase zu putzen, es ist schön einen Kranken zu heilen. Ein Bereich der Ästhetik, den wir noch nicht entdeckt haben, ist die Schönheit des Rechts. Über die Schönheit der Künste, eines Menschen, der Natur Können wir uns halbwegs einigen. Aber – Recht und Gerechtigkeit sind auch schön, wenn sie vollzogen werden.“ Dieser wundervolle Text ist die Magna Charta der Arbeit von Rupert und Christel Neudeck. Sie machen diese Arbeit, weil sie schön ist und weil sie ihnen Freude macht. Rupert Neudeck und seine Grünhelme sind würdige Träger dieses wichtigen Preises. Herzlichen Glückwunsch, lieber Rupert! (Franz Alt) |
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