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Rede von Truc Pham anlässlich der Gedenkstein-Enthüllung in HamburgSehr geehrte Frau Dr. Neudeck, Sehr geehrter Herr Dr. Neudeck, sehr geehrte Gäste, mein Name ist Truc Pham und ich bin einer jener Boat People, die das Glück hatten, von der Cap Anamur gerettet worden zu sein. Ich lebe hier in Hamburg mit meinen Eltern und meinen 3 Geschwistern. Oft werde ich gefragt, wie ich denn eigentlich nach Hamburg gekommen bin und dann hole ich immer weit aus und erzähle von unserer dramatischen Flucht aus Vietnam, in einem kleinen Holzboot, dicht gedrängt mit Gleichgesinnten. Wie wir auf hoher See vor der Küste Thailands von Piraten umzingelt und überfallen wurden, wie die Männer auf unserem Boot über Bord gehen sollten (einschließlich meines Vaters) und wie dann, aus ungeahntem Glück, der Hubschrauber der Cap Anamur am Horizont auftauchte und die Piraten in die Flucht schlug und wir dadurch in letzter Sekunde dem sicheren Tod entkommen konnten. Dieses Ereignis lässt sich in so wenigen Zeilen, in so wenigen Worten zusammen fassen, doch die Tragweite dessen wird mir immer wieder bewusst, wenn ich ein wenig innehalte. Welches Glück unsere Familie hatte, dass es Menschen gibt, die sich die Not Anderer zu Herzen nehmen und dadurch so viel zu bewegen imstande sind. Das war im Jahre 1980, als meine Eltern mit meiner älteren Schwester und mir aus Vietnam geflüchtet sind, damit wir Kinder in einem Land aufwachsen können, das uns die Möglichkeit bietet, sich frei zu entfalten – sowohl in unserem Denken als auch in unserem Handeln. Ich kann nur erahnen, wie schwer meinen Eltern diese Entscheidung gefallen sein muss, ihre Familien, ihr Zuhause, ihr Leben hinter sich zu lassen und den Schritt in eine ungewisse Zukunft, in eine unbekannte Welt zu wagen. Ja, diese unbekannte Welt, in der wir uns plötzlich befanden. Ich weiß noch, wie meine ältere Schwester und ich das erste Mal Schnee sahen und wie wir versucht haben, die Schneeflocken aufzufangen. Oder als wir zum ersten Mal dem Weihnachtsmann begegnet sind, bei dessen Anblick wir – offen gestanden – mehr Furcht als Freude empfanden. Was für ein tolles Gefühl es war, mit großen Augen und offenen Mündern vor dem schönen Weihnachtsbaum und den Geschenken zu stehen. Diese für uns anfangs so unbekannte Welt sollte dann aber auch unsere Welt sein. Denn nach unserer Rettung durch die Cap Anamur wurde mittels Losverfahren unsere neue Heimat bestimmt: Hamburg. Meine in der Vergangenheit oft getätigte Aussage, dass ich beim Losen nie Glück habe, muss ich daher an dieser Stelle revidieren: Mit Hamburg hat uns nicht nur eine wunderschöne und facettenreiche Stadt empfangen, sondern auch viele liebe Menschen, die uns uneigennützig mit Rat und Tat zur Seite standen bzw. stehen. Der Cap Anamur ist es seinerzeit gelungen, die deutsche Bevölkerung für ihre Sache zu gewinnen und das nötige Verständnis und den Willen zu helfen bei den Menschen hervorzurufen. So wurden z.B. in Kooperation mit dem Hamburger Abendblatt Patenschaften für vietnamesische Boat People Kinder eingerichtet, worüber wir gleich zu Beginn Familie Zibell kennengelernt haben, die uns in allen Lebenslagen seit nunmehr 30 Jahren wie unsere eigene Familie zur Seite steht. Und es entstanden noch viele weitere sehr intensive Freundschaften, sei es in der Schule, in der Nachbarschaft, im Studium, im Beruf, in der Freizeit. Wir schätzen uns glücklich, diese vielen lieben Menschen zu haben. Ich wohne in Barmbek, arbeite bei Beiersdorf, liebe Labskaus und gehe – wenn auch nur gelegentlich – zu St. Pauli Spielen. Dennoch: dass ich Hamburg als meine Heimat empfinde, gründet allein auf den Umstand, dass genau jene Menschen mir tagtäglich das Gefühl schenken, dazu zu gehören. Nun rede ich von Hamburg als meiner neuen Heimat – und möchte dabei nicht unerwähnt lassen, dass es für mich daneben auch noch die alte Heimat gibt. Vietnam ist das Land unserer Vorfahren, Vietnam ist das Land in dem ich geboren wurde. Da ich noch sehr jung war, als wir Saigon verlassen haben, glaubte ich lange Zeit, dass in meinem Herzen nur Platz für eine Heimatstadt sei. Doch heute kann ich voller Stolz sagen, dass in mir zwei Herzen schlagen: für zwei Städte, die mir jede auf ihre eigene Art das gute Gefühl geben, zuhause zu sein. Diese Veranstaltung ist ein wunderbarer Anlass für uns Vietnamesen, Dr. Neudeck, allen Anwesenden und der deutschen Bevölkerung unseren tiefsten Dank auszusprechen. Zunächst danken wir all unseren Freunden und Bekannten - insbesondere danke ich meinem Lebensgefährten, meinem Schwager sowie ihren Familien - für ihre Offenheit für unsere vietnamesischen Besonderheiten und für ihre Toleranz gegenüber unseren vietnamesischen Eigenwilligkeiten. In eigener Sache möchten meine Geschwister und ich noch unseren Eltern von Herzen danken, die für unsere Zukunft unentwegt gekämpft und so viele Opfer gebracht haben. Wir sind froh und dankbar, dass ihr immer darauf bedacht wart, dass wir uns die vietnamesischen Werte und Traditionen erhalten, aber auch dafür, dass ihr uns die Freiräume gelassen habt, um uns hier in Deutschland zu integrieren und frei zu entwickeln. Des Weiteren gilt unser Dank der deutschen Regierung und Bevölkerung, die das Vorhaben von Dr. Neudeck mitgetragen und durch ihre große Spendenbereitschaft die Fahrten der Cap Anamur erst ermöglicht haben. Unser ganz besonderer Dank an diesem heutigen Tage richtet sich aber an Sie, Herr und Frau Dr. Neudeck. Für Ihr Herz, Ihren Mut und Ihre Ausdauer. Mit der Cap Anamur haben Sie mehr als 10.000 Vietnamesen das Leben gerettet und ihnen sowie den nachfolgenden Generationen ein Leben in Freiheit geschenkt. Ihnen, die Sie Ihr Leben der Menschlichkeit gewidmet haben, gebührt unser aller Dank - aus tiefstem Herzen. |
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