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Projekt Ferdjahi - Afghanistan

„Schule Ferdjahi“, Schulbauprojekt der Grünhelme in Afghanistan - Von Peter Berghöfer

Die neue Schule Bauarbeiten an der Schule Mittwoch, 24.08.2005

Die Gefühle sind nicht leicht zu beschreiben als wir mit unserem weißen Toyota Corolla Kombi über die holprige Schotterpiste rasen. Mir jedenfalls kommt das Tempo halsbrecherisch vor. Ich kann mir noch nicht vorstellen, dass ich selber in wenigen Wochen in ähnlicher Weise fahren und diese Art des Reisens als normal empfinden werde.
Ich bin auf der Anreise zu meinem Projektort. Es ist der 24. September 2004. Mit drei weiteren Grünhelmen bin ich über Kabul nach Afghanistan eingereist, nach einem Inlandsflug gerade in Herat gelandet und nun mit meinen neuen Kollegen auf dem Weg nach Ferdjahi, dem kleinen Dorf in dem ich für die nächsten drei Monate leben und an dem Grünhelmeprojekt mitarbeiten werde.
Von dem Projekt weiß ich, dass in der Nähe des Dorfes Ferdjahi eine Schule mit 12 Klassenräumen gebaut wird. Diese Schule liegt im Einzugsgebiet von weiteren drei Dörfern und damit ca. 1000 Kindern und Jugendlichen. Sie wird ineiner soliden, dauerhafter Bauweise errichtet mit gebrannten Ziegelsteinen und Stahlbeton. Nicht in Lehmbauweise wie die Wohnhäuser der kleinen Dörfer durch die wir fahren. Meine Vorgänger, Sascha und Joachim haben Mitte Juli 2004 mit dem Schulbau begonnen. Nach einer Übergangszeit von einigen Tagen werden sie wieder nach Deutschland zurückkehren und ich soll dann die Baustelle weiterführen.
Ich fühle mich in eine total fremde Welt hineingeworfen. Ich bin müde von der Reise, die Sonne brennt an diesem wunderschönen Spätsommertag von einem strahlend blauen Himmel, im Auto ist es heiß, wir holpern über Schlaglöcher, faustgroße Steine schlagen an den Unterboden, ich versuche mich verkrampft festzuhalten. Der Gedanke, dass ich in wenigen Tagen in dieser seltsamen Welt ziemlich allein auf mich gestellt sein werde macht mir Sorgen. Die anderen Projektstandorte liegen mehrere Autostunden entfernt und sind nur teilweise, und dann auch recht schwierig über Satellitentelefon zu erreichen. Ich werde sehr vom Dolmetscher abhängig sein, denn nur über ihn und meine eingerosteten Englischkenntnissen kann ich mit den Menschen hier in Kontakt treten. Sulaiman, der Dolmetscher, sitzt bei uns im Auto. Er macht einen sympathischen Eindruck. Bisher hatte ich jedoch kaum Gelegenheit mit ihm zu reden. Für mich ist es sehr beruhigend, dass auch Wolfgang, ein Grünhelmkollege der mit mir gerade aus Deutschland angereist ist, mit uns im Auto sitzt. Er wird mit mir zusammen im Projekt bleiben bis genauere Entscheidungen über die Aufteilung auf die verschiedenen Projektstandorte getroffen werden können.
Mit fünf erwachsenen Personen, Gepäck und zwei Ersatzrädern beladen fährt der Corolla meiner neuen Bleibe entgegen. Die Stoßdämpfer werden bis zum Anschlag belastet. Wir ziehen eine riesige Staubwolke hinter uns her. In wenigen Tagen werde ich erfahren haben, dass in dieses Auto locker doppelt so viele Menschen passen und dass „Corolla“ in dieser Gegend so etwas wie ein Synonym für „Auto“ ist, denn schätzungsweise über 90 % der Autos die man hier sieht sind solche weißen Toyota Corolla Kombi wie wir ihn fahren. Und ich werde erfahren haben, dass es sehr ratsam ist mehrere Ersatzräder dabei zu haben, denn Reifenschäden sind bei diesen Straßenverhältnissen an der Tagesordnung.
Die überwiegenden Farben sind das Beige-Braun der Landschaft und Häuser und das strahlende Blau des Himmels. Hier, in dem weiten, ebenen Flusstal bei Herat gibt es ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem aus Gräben und Kanälen und man kann doch auch relativ viel staubbedecktes Grün entdecken. Einige Bäume und zahlreiche Felder. Diese sehen meist jedoch ziemlich ausgetrocknet aus.
Nach ca. 25 km und 45 Minuten Fahrzeit nähern wir uns unserem Ziel. Links von der Straße ist das neue Schulgebäude zu sehen. Der Rohbau steht schon, die Menschen sind emsig am Arbeiten. Rechts, ca. 100 m entfernt von der Straße, mitten im freien Feld steht die „Alte Schule“: Fünf kleine, halbrunde Zelte mit einer Grundfläche von vielleicht 15 Quadratmetern. Einfache Stahlgestelle über die zerfetzte erdbraune Planen hängen. Das sind die Klassenzimmer in denen die Jungen und Mädchen der umliegenden Dörfer lernen. Mir wird klar, warum gerade hier eine Schule so wichtig ist.
Im Moment fahren wir noch nicht gleich auf die Baustelle, sondern zuerst mal ins Dorf zu unserer Wohnung. Ununterbrochen stürmen neue Eindrücke auf mich ein. Viele Fragen gehen mir durch den Kopf. Wie wird wohl die Wohnung aussehen? Werde ich das Essen vertragen? Wie wird das Zusammenleben in der Dorfgemeinschaft sein? Wird es Schwierigkeiten mit dieser fremden Kultur geben? Werde ich mit dem Dolmetscher klar kommen? Was kommt auf der Baustelle auf mich zu? Werde ich mich mit den Arbeitern verstehen? Wird es eine Kontaktmöglichkeit in die Heimat geben?…

Im Rückblick kann ich nun sagen: Alles hat sich sehr gut entwickelt. Es gab viel zu tun und war oft anstrengend. Am Anfang waren die vielen neuen Eindrücke besonders erschlagend. Überrascht hat mich, wie schnell ich mich an diese neue Welt gewöhnt hatte. Aber es war auch ein sehr schönes Gefühl zu erleben, wie man dazu beiträgt, dass eine gute Sache vorangeht und wächst.
Nach kurzer Zeit konnten wir entscheiden, dass ich das Projekt nach der Abreise meiner Vorgänger alleine weiter führen werde und Wolfgang ein anderes Projekt zur Ausbildung von Schreinerlehrlingen an einem anderen Standort übernehmen wird. Diese Entscheidung war möglich da die Zusammenarbeit mit Suleiman, dem Dolmetscher, sich besonders gut entwickelte, meine Vorgänger die Baustelle sehr gut am Laufen hatten, ich somit sehr vieles einfach übernehmen und erprobte Wege weiterbeschreiten konnte, und genügend Zeit für die Einweisung und Übergabe war.
Die Arbeiten, die in meinen Projektabschnitt fielen, erwiesen sich als zeitaufwändiger als ursprünglich geplant, die Schule konnte jedoch vor meiner Abreise fertiggestellt und an die Bevölkerung übergeben werden.
Die afghanischen Menschen habe ich als sehr freundlich und rege erlebt. In ihrer Dorfgemeinschaft war ich als Gast aufgenommen und habe mich sehr sicher gefühlt. Ich hatte die Gelegenheit an etlichen Hochzeitsfeiern und auch an den besonderen Feierlichkeiten (vergleichbar mit unserem Weihnachtsfest) am Ende des Fastenmonats Ramadan teilzunehmen.
Ich konnte sehr vielfältige und wertvolle Erfahrungen machen und etliche besondere und einzigartige Erlebnisse mit nach Hause nehmen.


Weiterführende Links:
    -Bildergalerie vom Projekt!
Dies war die alte 'Schule Die Eröffnungsfeier im Dezember 2004





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