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Ägypten noch nicht über den Jordan
Nach einem Besuch in Ägypten vor Weihnachten
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Proteste in Ägypten
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Der Staat ist noch nicht über dem Jordan. Das ägyptische Volk hat Gewaltiges geleistet in sehr kurzer Zeit, aber die Starre, in der sich der Liebling der westlichen Welt unter Hosni Mubarak befand, ist nicht aufgelöst. Auch nicht die Angststarre einer islamisch-terroristischen Ausgleitens der heutigen ägyptischen Gesellschaft.
Nichts ist gelöst, kein großer politischer Hoffnungsträger weit und breit. Aber zweierlei ist erreicht: Der Diktator ist weg, der sein militär-arabisches System noch als quasi monarchische Dynastie erweitern wollte. Und, man kann reden und es wird ausgiebig geredet auf dem Tahrir Platz mitten in Kairo. Dort fängt man den Tag an und beendet ihn vor Einbruch der Dunkelheit.
Vieles kann die Kühlschrank-Theorie erklären, die wir aus Jugoslawien und vom Balkan kennen. Anti-Gefühle gegen die Amerikaner und gegen das Palästina besetzt haltende Israel sind dabei, aus der Enteisung auf zu tauen. Damit müssen die USA und Israel rechnen. Die Zeit, da Ronald Reagan den Einsatz amerikanischer GI’s einfach an der Küste des Libanon und in Beirut bestimmte, soind längst vorbei. Andere weltpolitische Mächte bestimmen mit: Die EU, China, Indien, Russland, Brasilien.
Was ist liegen geblieben in des Maghreb wichtigstem Land, das zugleich noch die wichtigste Brücke in den Sorgenkontinent Afrika mit nominell 54 Staaten geblieben ist?
Da ist einmal der klaffende Gegensatz von dünner steinreicher Oberschicht, die im Champagner badet und der großen Masse des armen Volkes, Arbeitslosigkeit nominell bei 63 %. Ich habe bisher kein Land erlebt, in dem der Gegensatz von dünner Oberschicht und wütend-hungriger Landarmut so groß ist wie in Ägypten. Ich wurde um Geld und Spenden gebeten für Nahrungsmittel, weil Menschen, die keinen eigenen Landbesitz haben, die nur Landtagelöhner sind, sich nicht genügend zum Essen kaufen können. Das Dorf hat keine Schule, eine humanitäre Initiative von Schülerinnen und Schülern des von Jesuiten in Kairo geleiteten „College de Sainte Famille“ kümmert sich um dieses Dorf. Die Gruppe kann aber aus eigener Kraft nicht genügend Spenden aufbringen. Ich habe diese jungen Schüler erlebt, die eine ganz neue Solidarität entwickeln.
In den Dörfern treffen sie auch auf Angst –machende Salafisten, die aus Saudi Arabien jede Woche eine Mio US-Dollar überwiesen bekommen. Gelder, die oft an die Konversion gebunden sind zum Islam für die, die von den Salafisten versorgt werden.
Das zweite ist eine Religions-Starre. Als die gefährliche Macht erschienen Jahrzehnte die Muslimbrüder, in deren Risiko und Terror-Schatten sich andere gut bewegen konnten. Die koptisch-orthodoxe Kirche mit ihren wahrscheinlich nur fünf bis sechs (manche meinen 11 bis 12 ) Millionen Anhängern konnte sich im Schutz und Schatten der militärischen Diktatur von Sadat und Hosni Mubarak gut entfalten und bewegen. Sie war damals wahrscheinlich, so sagt es mir ein Priester in Kairo, besser geschützt als heute.
Das alles ist jetzt politische Experimentierbühne. Die Muslimbrüder erkennen, dass sie Staats-tragend sein könnten, wenn sie sich anders nicht mehr so extremistisch bewegen wie vorher. Deshalb laden sie andere zaghaft zur Mitarbeit ein. Sie sind die neben dem Militär und den christlichen Kirchen einzig organisierte Kraft. Sie könnten ein genuines ägyptisches Profil gewinnen durch die Gegnerschaft zu den mittelalterlich auftretenden Salafisten.
Die Facebook-Generation der Studenten und Abgänger von Universitäten, die während der Arabellion so bejubelt wurde, ist jetzt erst zu ihrer kleinen Größe geschrumpft. Auf dem Platz konnte sie sich gut organisieren, aber zahlenmäßig ist sie schwach. Es kursiert der schöne Witz: Hosni Mubarak sei gestorben und Sadat und Nasser begegnen ihm im Himmel. Nasser fragt Mubarak: Sag mal, haben Sie Dich auch vergiftet oder erschossen? Darauf Hosni Mubarak: „Ich glaube, es war Facebook!“
Die Facebook-Generation kann sich politisch offenbar nicht organisieren. Obwohl, wenn es noch mal gegen die Militärjunta zum Schwur kommt, könnte sie erneut die Avantgarde sein. So am 20. Dezember, als gegen die unglaublich brutalen Übergriffe von Militär und Polizei etwa zehntausend Frauen (!) demonstriert haben und keine Angst hatten, das zu betreiben.
Die Wirtschaft hat das Zeug zum Boom, braucht aber Erneuerung. Die Verkehrsinfrastruktur ist im Land für den Aufschwung von Investitionen nicht mehr günstig. Die Wirtschaft wie die Gesellschaft warten auf einen politischen Lenker, der eine Vision hat. El Baradei wird es nicht sein, obwohl er viel Sympathien hat. Dazu macht er sich zu rar, er tritt nirgends auf, er ist eher verschwunden.
Ägypten braucht eine moderne Verkehrsinfrastruktur für die aus allen Nähten jeden Tag platzende und nicht mehr mobile Hauptstadt mit den geschätzt 20 Millionen Einwohnern. Und für das Land, in dem außer für den Tourismus Verkehr nichts funktioniert.
Großprojekte mit Eisenbahnen, Wind und Sonnenenergie wären nötig, für die man ganze Generation junger Schulabgänger gewinnen könnte. Die junge ausgebildete Generation – zumal christlicher Herkunft – denkt ausschließlich an das Auswandern. Kanada ist das strahlende Land, das man erreichen will. Kanada schöpft alles an ausgebildeten und englisch sprechenden jungen Menschen ab.
Gott sei Dank ist der Tourismus überhaupt nicht zusammengebrochen, 80 Prozent sollen es sein, die weiter zumal auf dem Luxus-Platz des Welttourismus bestehen: Charm el Sheik und Hurghada auf dem Sinai. Damit allerdings wird die Arbeitslosigkeit nicht bekämpft. Das würde nur geschehen durch große Pilot-Projekte einer Eisenbahn, die sich durch das ganze Land schiebt, und die funktioniert und auf einen Stand gebracht wird, den man am Bahnhof in Kairo nicht erleben kann. Eine Eisenbahn, die dann auch Verbindungen nach Khartoum und nach El Obeid im Sudan eröffnen würde. In Kairo ist täglich der Zusammenbruch des Verkehrs angesagt. Nirgends gibt es irgendeine verkehrspolitische oder urbanistische Initiative, der den Bewohnern den Zwang nimmt, mit einem Auto motorisiert zu sein. Eine Familie mit drei Kindern hat auf Dauer fünf Autos, eine mit acht zehn!
Die Zukunft von Solar, Biomasse und Wind haben Kairo und Ägypten verschlafen, deshalb ist es um so überraschender, wenn man aus Kairo gerade heraus ist, nach einer unglaublich mühseligen Fahrt und auf eine große und erfolgreiche, auch wirtschaftlich erfolgreiche ökologische Initiative stösst: SEKEM. Sekem ist eine Farm, in der nach der Methode biologisch-organischer Landwirtschaft alles produziert wird. Dort arbeiten mehrere Zweige moderner und immer wichtiger werdender Industrien (Textil, Tee, Pharma) arbeiten. Und das alles mit Farmen, in denen 18.000 Menschen Brot und Zukunft haben. Und dann noch eine Gemeinschaft, die in glücklichem Einklang mit der Natur und mit dem Islam lebt, neben dem durchaus auch andere Religionen Platz finden können. Ich erlebte einen Donnerstag, an dem sowohl die Schülerinnen und Schüler wie auch die Arbeiter in den Pharma Tee und Textil-Fabriken in das ägyptische Wochenende (Freitag) mit einem Gemeinschaftserlebnis verschiedet werden, das man sich auf der ganzen Welt wünschen würde.
Das Unternehmen wurde 1977 von dem Dr. Ibrahim Abouleish begonnen, der im nächsten Jahr 22. März 2012 75 Jahre alt wird. Er hat es mit seiner Familie und mit Mitgliedern seines Teams, die dort wohnen und nicht nach Kairo fahren zum Wochenende geschafft, eine Art ausgegrenzter Produktions-und Kooperations-Genossenschaft zu bauen. Er hat in den 70 und 80er Jahre massive Widerstände des Militärs und der konservativen ägyptischen Establishment überwunden, immer friedlich – wozu ihn der Koran als gläubiger Moslem aufforderte.
Abouleish hat sehr gute Wurzeln nach Deutschland, weit über die anthroposophische Gemeinschaft hinaus. Er wurde 2003 Träger des alternativen Nobelpreises. Er ist im Grunde für Afrika das, was Mohammed Yunus für Asien geworden ist: Eine Leuchtfackel der Hoffnung. So können wir Länder nicht nur im Niltal bewahren, sondern in allen Zonen des Kontinents. Helmi Abouleish, d er 55jährige Sohn des Ibrahim, der künftige Leiter der Initiative erzählt von zwei Landkäufen, die sie getätigt hätten, um für die Sekem Initiative Kinder zu zeugen. Die eine Farm existiert auf dem Sinai und wirft Gewinne und Produktion ab. Die andere wurde in Libyen gekauft und muss jetzt erst noch den Umbruch in Libyen abwarten.
Die Schüler wurden in meinem Beisein durch ein Gebet aus einer Koransure, durch einen Satz aus einer Mozartsonate gespielt von einem lebendigen Terzett (Violine, Oboe, Flöte) und einigen Tänzen und Gesängen verabschiedet in das Wochenende. Dann geben sie alle nicht dem Gründer des Unternehmens, der zu einer medizinischen Behandlung in Deutschland sich aufhält, sondern dem Sohn und einzelnen Lehrern die Hand. Sie gehen alle glücklich in das Wochenende. So ein Erlebnis einer produktiven Gemeinschaft mit wirtschaftlichem und schulischem Erfolg habe ich noch nicht auf der Welt erlebt.
Rupert Neudeck
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Nelson Mandela:
Wer Haß spürt,
kann nicht frei sein.
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