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Wen wir in Libyen und Arabien brauchen: einen BEN WISCH

Um einen Ben Wisch in der Politik bittend

Hans-Jürgen Wischnewski

Dieser Tage will uns ein US-Think Tanks sagen: Das in Libyen kennen wir in den USA alles, das haben wir im Irak erlebt. Wenn man die Polizei und die Armee auflöst, ergibt sich Chaos. Da sagt uns ein US-Amerikaner ganz leicht lächelnd: „Wie im Irak die Anhänger Saddam Husseins könnten Pro Gaddhafi Elemente einen Guerillakrieg gegen die neuen Machthaber in Tripolis anzetteln.“ Als ob der Angriff auf den Irak 2003 das gleiche war wie jetzt die Befreiung der Libyer vom Joch des Muammar al Gaddhafi!

Was Europa und Deutschland jetzt bräuchten, das wäre ein Politiker vom Schlage des Hans -Jürgen Wischnewski, der in seiner Zeit eine Fähigkeit bewiesen hatte, die fast allen heute abgeht: Sich ganz in die Haltung des anderen zu versetzen. Und aus einer so gewonnenen Haltung hat er dann die Kraft gehabt, sich viel partnerschaftlicher für etwas, nicht gegen jemanden einzusetzen.
Man muss erlebt haben, wie Hans-Jürgen Wischnewski auf arabische Politiker und Geschäftsleute zuging. Er holte sie am liebsten noch vor der Tür ab und brachte sie vor die eigene Haustür, die Begrüßung eines Freundes ist im arabischen Raum natürlich mehr als eine Pflichtübung.
Er hat mir das immer wieder erzählt und eingebläut. Das Geheimnis der Vermittlung und der Klärung in den schwierigsten Konfliktsituationen besteht immer darin: Dass ich mir klarmache, wie die Interessen bei meinem Gegner aussehen, welche Interessen und Zwecke er verfolgt. Wichtig sei es, diese Interessen so zu formulieren, als seien es die eigenen und sich dann von der Gegenseite bestätigen zu lassen, dass man diese Interessen richtig formuliert habe.
Dann erst kann das eigene Geschäft losgehen.
So hat er es damals im Oktober Mogadiscio 1977 gemacht, als die Lufthansa „737 Landshut“ nach mehreren Zwischenstopps sich aus Mallorca über Rom/Fiumicino, Larnaca(Zypern), Dubai endlich auf ihrem letzten Flugfeld eingefunden hatte: Mogadiscio, Hauptstadt des damals noch existierenden Somalia. .
Dann hatte der Kanzler Helmut Schmidt seinen Ben Wisch dorthin geschickt, der den merkwürdigen Diktator Siad Barre für den Einsatz der deutschen Spezialtruppe GSG 9 gewinnen konnte.
Siad Barre, der damals gerade die Sowjets nach Hause entlassen hatte, nachdem diese in Äthiopien den größeren und mächtigeren Partner entdeckt hatten, war auf Ben Wisch und seine in arabisch afrikanischen Augen größtmögliche Liebenswürdigkeit sofort eingegangen. Er liess nicht nur die deutsche GSG 9 auf dem Flughafen der Hauptstadt die Geiselbefreiung vornehmen. Auf die Frage von Ben Wisch, dass wenn die Deutschen dann Gefangene machen, diese dann den somalischen Behörden übergeben würden, hatte Siad Barre gesagt: „Was, Sie wollen Gefangene machen?? Wie wollen sie dann das machen?“
Kurz, das war dem ziemlich brutalen Herrscher aller Somalis deutlich, dass man in einem Kampf auf Leben und Tod nicht Gefangene machen soll.
An vielen anderen Stellen ist Ben Wisch ein beliebter Gesprächspartner geworden und gewesen. Er hat uns einiges hinterlassen und zumal denen, die sich in solche Vermittlungen einschalten wollen. Er hat es uns aufgegeben: „Eines habe ich in meiner langen politischen Arbeit gelernt: Die Bundesrepublik darf keine Waffen in den Nahen Osten exportieren, weder an arabische Staaten noch an Israel. Jede andere Politik führt ins Desaster“. (zit nach H.J. Wischnewski: Mit Leidenschaft und Augenmass. München 1989, S. 154) Hätten wir uns an diese Maxime gehalten, sähe es heute in Nahost nicht so düster aus. Aber keine Regierung und keine Koalition hat sich daran gehalten, bis zu den 200 Leopard Panzern an Saudi Arabien der jetzigen Bundesregierung.
Er hat uns auf diesen Weg eine zweite Maxime mitgegeben, die auch ständig verletzt wird: „Ich habe auch bei sehr strenggläubigen Schiiten und Fundamentalisten nie Feindseligkeit gespürt. Man war immer bereit, dem Christen entsprechenden Respekt entgegenzubringen.“ Umgekehrt habe er auch stets Respekt – so sagt Ben Wisch, denn das ist eine interdependente Bedingung – vor der islamischen Weltreligion empfunden. Seine Erfahrungen hätten ihn dazu geführt, „dass wir sehr viel mehr über diese Religion lernen müssen, extreme Vorgänge nicht verallgemeinern dürfen und dieser Weltreligion den ihr gebührenden Respekt entgegenbringen sollten.“
Würden wir uns an die Maximen des Hans-Jürgen Wischnewski halten, würden wir längst das haben, was dringlich heute gebraucht würde: Eine sich der arabischen Welt, dem Nahen Osten und dem Maghreb zuwendende Politik, die in der Wirtschaft, Kultur, im Tourismus in den politischen Beziehungen eine ganz neue Epoche betritt. Dazu bräuchten wir einen BEN WISCH. Ob es einen in den Bänken unserer Parlamente gibt oder in den Reihen der Diplomaten, der Kirchen oder der Wirtschaft?
Valde dubito.

Rupert Neudeck






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